Über die Freiheit der unendlichen Zeit – Teil 1

Der Tiger und ich wollen raus zum Einkaufen – am liebsten mit dem Laufrad. Ich setze ihm wie gewohnt den Helm auf und verschließe ihn. Er schaut mich an und meint ganz zerknirscht: „Ich möchte alleine zumachen!“. Also Helm wieder öffnen und es heißt für mich zurücklehnen und einfach mal beobachten. Nach einigen Minuten zeige ich ihm den Spiegel – vielleicht schafft er es, wenn er sich sieht. 15 Minuten später ist unser Tiger sehr traurig, weil es einfach nicht klappen möchte. Ich begleite ihn durch diese Traurigkeit und den Tränen und 5 Minuten später ist er bereit, dass wir es gemeinsam versuchen. Etwa 20 Minuten später verlassen wir beide gut gelaunt die Wohnung!

2016-07-28_01
Solche Situationen sind bei uns keine Ausnahme oder ein Fall von „Ich nehme mir mal Zeit“, sondern gehören zu unserem Alltag. Jeden Tag erleben wir unzählige Situation, wo der Tiger Zeit braucht um zu probieren, etwas zu entdecken, zu beobachten oder etwas fertig zu stellen. Und wir haben das große Glück, dass wir Zeit haben, meist unendlich viel Zeit!

Morgens müssen wir nicht außer Haus, wir können also schlafen, bis wir bzw. der Tiger *haha* von selbst wach wird. Wollen wir dann noch kuscheln, lesen oder einfach reden, haben wir die Freiheit, das einfach zu tun und zwar so lange wir wollen. Wir können ewig beim Frühstück sitzen und unseren Tag einteilen, wie wir Lust haben. Wir können einfach mal 3 Stunden ohne Ziel durch die Gegend schlendern oder den Postboten eine Stunde auf seiner Route begleiten (unser Tiger ist unglaublich begeistert von Postautos). Wir können schlafen, wenn wir müde sind und essen, wenn wir hungrig sind. Und obwohl sich doch ein mehr oder weniger fixer Tagsablauf (Beiträge zu unserem Tagesablauf findet ihr *hier* und *hier*) eingespielt hat, haben wir alle Freiheiten, weil wir Zeit haben. Unser Tiger liebt es, einem Bagger bei der Arbeit zu zusehen oder im Garten stundenlang Schnecken zu beobachten. Bevor wir wickeln können, möchte unser Tiger den Waschlappen nass machen und es kann schon sein, dass das auch mal eine viertel Stunde dauert, bis er bereit ist. Wann immer es geht und dass ist bei uns meist der Fall, bekommt unser Tiger eben die Zeit, die er braucht.


Kinder brauchen viel Zeit, denn sie haben die ersten Jahre ihres Lebens kein Verständnis für Zeit, für die Vergangenheit oder die Zukunft. Sie leben im Hier und Jetzt und erleben den momentanen Augenblick. Kinder entschleunigen die Zeit, ihre Uhren laufen anders. Sie können nicht vorausplanen oder sich etwas einteilen. Kinder leben in der Gegenwart!

Und ich bin froh, dass wir diese Freiheit der unendlichen Zeit haben und weiß dieses Glück sehr zu schätzen! Ich genieße es auch sehr, unseren Tiger in seiner tiefen Konzentration zu beobachten und nicht stören zu müssen und ich liebe seinen Gesichtsausdruck und seine leuchtenden Augen, wenn er etwas nach einiger Zeit alleine geschafft hat. Oft verpasse ich einen solchen Moment, weil ich leider zu ungeduldig war und frühzeitig eingegriffen habe. Damit nehme ich ihm das Erfolgserlebnis, das nur einige Minuten entfernt gewesen wäre, weil er es mit etwas mehr Zeit vermutlich alleine geschafft hätte. Ich stehe unserem Tiger und auch mir mit meiner Ungeduld oft im Weg. Doch ich versuche in diesen Momenten inne zu halten und daran zu denken, was in dem Moment wichtig ist. Es ist nicht immer einfach, doch es lohnt sich.

Ich weiß noch nicht, wie diese Freiheit der unendlichen Zeit des Tigers dann mit dem Leben unserer Biene funktionieren wird, doch wir werden unseren gemeinsamen Weg finden. Ich darf auch immer wieder die Erfahrung machen, je mehr zeitliche Freiheiten unser Tiger hat, desto kooperativer verhält er sich, wenn doch mal Zeitdruck ansteht.

Die nächsten Woche genieße ich aber noch diese unendliche Freiheit mit dem Tiger alleine und er kann seine Zeit nutzen, wie er sie für seine Entwicklung braucht – so lange er eben braucht!

Advertisements

3 Kommentare zu “Über die Freiheit der unendlichen Zeit – Teil 1

  1. Das klingt wirklich schön, ist bei uns – mit zwei Kindern – leider nicht machbar und mir fehlt auch zu oft die Geduld wenn es dann eigentlich doch mal gehen würde. Würde mich freuen wenn du berichtest wie es euch diesbezüglich mit dem Geschwisterchen geht! Ein paar Ideen und Denkastösse wären hier bei uns für den großen bestimmt auch sehr hilfreich.

    Gefällt mir

    • Liebe Ktlyn!
      Das kann ich mir gut vorstellen.. Oft wird ja gesagt, mit dem zweiten Kind ist es einfacher, da es „mitläuft“, aber ich denke, dass es viele Dinge gibt, die mit zwei Kinder auch doppelt so schwierig sind und dieses Thema ist sicher eines davon.. Ich werde auf alle Fälle von unseren Erfahrungen berichten – bin selbst schon richtig gespannt, wie dann alles läuft!
      Alles Gute für deine Familie!
      Sonnige Grüße,
      Ricarda

      Gefällt mir

  2. Liebe Ricarda!
    Bei uns gibt es zum Glück auch diese zeitlosen Tage (dank Oma, die uns oft unterstützt), aber dann gibt es diese Phasen voll von Terminen und Arbeiten, die erledigt werden wollen und dann muss ich unser Käferle unterbrechen, drängen und sie muss unseren Stress aushalten. Das tut mir oft sooo leid. Ich sage mir halt immer, dass wir es dafür nach dem Umbau umso schöner und entspannter haben werden, hihi…
    Bin auch schon gespannt auf deine Erfahrungen mit 2 Kindern 🙂
    Liebe Grüße,
    Gertraud
    PS: Den Spruch finde ich noch ganz passend: Dein Alltag ist ihre Kindheit!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s