Beginn der Trotzphase – oder schon mittendrin?!

Vorweg ist es mir wichtig zu sagen, dass ich den Begriff „Trotzphase“ nicht nur schlimm und abwertend, sondern auch schlichtweg als falsch empfinde – ich werden ihn daher oft durch den Begriff „Autonomiephase“ ersetzen. Leider hat sich der Begriff der Trotzphase so in der Gesellschaft eingefunden, dass absolut jeder weiß, was damit gemeint ist und daher kommt man um den Begriff leider kaum herum…

Grundlegend scheiden sich die Geister der Experten, wann denn nun die Autonomiephase beginnt. Einige schreiben über den Beginn um das 15.-18. Lebensmonat (wie z.B. Herbert Renz-Polster), wenn die ersten „Nein´s“ oder „Alleine machen“ von Seiten der Kinder kommen und sie sich nicht mehr so leicht davon ablenken lassen, andere (wie z.B. M.Montessori) schreiben die Hauptphase der Autonomie Kindern im Alter zwischen 30-36 Monate zu. Den Beginn der Autonomiephase mit etwa dem Beginn des dritten Lebensjahres festzusetzen, scheint mir ein guter Mittelwert.

Die ersten Bedürfnisse nach dem all bekannten „alleine machen“ hatte unser Tiger schon relativ bald, bestimmt vor dem zweiten Geburtstag. Ich persönlich sehe da aber noch nicht den Beginn der Trotzphase, sondern eben einfach den Wunsch, dass er jetzt immer öfter immer mehr Sachen alleine schaffen möchte – ein wichtiger Schritt in der Entwicklung. Im letzten dreiviertel Jahr wurden aber die „Nein´s“ des Tigers häufiger, intensiver und vor allem mit immer mehr Emotionen begleitet – gleichzeitig werden auch unsere „Nein´s“ häufiger, da wir ihm oft den Wunsch nach dem „alleine machen“ einfach nicht erfüllen können oder (ja, es kommt natürlich immer mal vor) manchmal einfach nicht wollen..

Letzte Woche hatte der Tigerpapa Urlaub und die Konfliktpunkte häuften sich – der Tiger ist es auch absolut nicht gewöhnt, dass er nicht uneingeschränkt meine Aufmerksamkeit hat. Oft ist es aber momentan so, dass unser Tiger Phasen hat, wo er absolut jeden Vorschlag, jede Frage von uns mit einem vehementen „Nein“ beantwortet… Schlagen wir ihm A vor, möchte er B – fragen wir, ob er A oder B möchte, will er garantiert C… Das kann auch schon mal beim Frühstück beginnen – nachdem das Marmeladebrot endlich gestrichen und essfertig ist (was sich auch schon manchmal als schwierig gestaltet), möchte unser Tiger unbedingt Wurst und Käse.. Unser Tiger will ins Freie gehen, aber anziehen (sogar wenn es nur um ein Shirt geht) zieht sich.. Jedes Wickeln wird zur Herausforderung, aber ohne Windel möchte er auch nicht sein und auf die Toilette/Töpfchen gehen erst recht nicht.. Er macht auch manchmal Dinge von denen er weiß, dass wir es nicht mögen.. Vor einigen Tagen nahm er sich einen Stein und rief vorher ganz laut: „Papa, ich schmeiße den Stein in die Wiese!“, wartete bis der Papa schaute und warf den Stein.

Wenn die Konfliktpunkte mehrere Tage die Überhand nehmen, wird es Zeit, auf unser eigenes Verhalten zu schauen! Ohne groß nachzudenken fallen mir auf Anhieb einige Punkte ein, die unsere Konfliktsituationen nicht besser machten. Wir arbeiteten letzte Woche natürlich viel im Garten, da haben wir wenig Zeit für unseren Tiger und er muss sich oft alleine beschäftigen, da er nicht überall mithelfen kann/will. Wir haben uns die Woche auch einige Arzttermine eingeteilt, da das gemeinsam einfach angenehmer ist und natürlich mussten auch für den Garten noch einige Dinge besorgt werden – einkaufen stand daher auch häufiger bzw. länger auf dem Programm. Dazu kommt noch, dass ich letzte Woche einfach nur k.o war/bin – man sah es der Wohnung auch schon deutlich an.. Das wiederum birgt ebenfalls viele Konfliktpotentiale! Damit unser Tiger konzentriert und selbstständig arbeiten kann, braucht er ein gewisses Maß an Ordnung, um Ablenkungen zu vermeiden. Wäscht er z.B. in der Spüle ab, funktioniert das nur, wenn er die Spüle wie gewohnt vorfindet. Befindet sich noch (zu viel) schmutziges Geschirr in und rund um die Spüle, tobt sich der Tiger natürlich aus und macht dann plötzlich Sachen, die er sonst nicht macht (ganze Schüsseln/Tassen mit Wasser einfach auf den Boden schütten, fängt an Geschirr zu schmeißen, etc.).. Ich möchte natürlich nicht, dass er noch mehr Chaos verbreitet, wenn das Chaos schon riesig ist und schlechte Laune ist somit vorprogrammiert. Andererseits bin ich nicht besonders geduldig, wenn ich müde und k.o bin.. Oft konnte man die Reaktionskette der schlechten Laune sehr gut beobachten – ich meckere unseren Tiger an (meist ungerechtfertigt!), er geht zu Papa und wütet dort und der Papa kommt mit schlechter Laune auf mich zurück. Sehr oft fängt der Tigerpapa die ganze schlechte Laune des Tigers aber auch einfach ab und deeskaliert damit die ganze Situation – ich bin ihm oft unsagbar dankbar dafür! Denn dann können wir alle ruhiger aus der Situation gehen. Funktioniert natürlich oft auch in die andere Richtung.

Grundsätzlich ist es natürlich völlig in Ordnung und absolut normal, dass auch ich bzw. der Tigerpapa einmal genervt sein dürfen und wir dann auch überreagieren. Der Tiger darf uns auch mal ungeduldig kennen lernen und sehen, dass es im Alltag eben Konflikte gibt. Dasselbe gilt natürlich auch umgekehrt – ist der Tiger von uns genervt, darf er auch das deutlich zeigen. Auch wenn das alles in Ordnung ist und vielleicht auch wichtig, so müssen uns Erwachsenen zwei Dinge vor allem klar sein. Erstens: Unsere Kinder sind nicht an den Konflikten Schuld! Wir Erwachsenen tragen die Verantwortung für unser Verhalten und auch wir sind maßgeblich für die Grundstimmung der Situation verantwortlich. Es ist völlig normal, dass es nicht immer harmonisch sein kann, doch nicht unsere Kinder sind dafür verantwortlich, sondern wir selbst! Zweitens: Es liegt an uns, einen Weg nach draußen aus diesen Konfliktsituationen zu finden! Es fällt uns Erwachsenen oft schon sehr schwer, zurück zu unseren „normalen“ Emotionen nach einem Streit zu finden, wir dürfen nicht erwarten, dass das unsere Kinder besser können als wir! Auch wenn sich die Konflikte häufen, liegt der Schlüssel zur Veränderung an uns und nicht an den Kindern!

2016-06-24_01
Letzte Woche lag es ganz klar an dem Tigerpapa und mir, dass wir in dieser schwierigen Zeit für unseren Tiger die Konflikte abfangen oder ihn eben dadurch begleiten. Selten machen wir das beide „gut“, aber es reicht, wenn zumindest einer von uns ruhig bei der Sache bleibt und geduldig auf seine Bedürfnisse eingehen kann.

In den kommenden Beiträgen über die Autonomiephase möchte ich euch gerne zeigen, wie wir diesen Kreislauf der Konflikte letzte Woche durchbrochen haben, die Evolutionsbiologie hinter der Trotzphase, warum diese Phase auch für unsere Kinder so unglaublich schwierig und gleichzeitig wertvoll ist und auch, was andere Autoren darüber schreiben, bzw. euch einige Lösungsvorschläge zusammentragen und auch beschreiben, wie wir schwierige Situationen zu lösen versuchen – gleich vorweg, das funktioniert natürlich nicht immer, aber hinterher ist man immer schlauer und beim nächsten Mal kann man es anders machen *hehe*.

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Ein Kommentar zu “Beginn der Trotzphase – oder schon mittendrin?!

  1. Pingback: Wenn der Aufmerksamkeitstopf leer ist…! – Tigers großes Abenteuer

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