Unser Montessori Moment!

Was Anne vom Blog „Eltern vom Mars“ so liebevoll als Montessori Moment bezeichnet, durfte ich gestern am Spielplatz selbst erleben und die Bezeichnung ist so treffend gewählt! Der Moment war für mich unglaublich und zeigte mir, dass unser Weg für uns der absolut richtige ist!

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Wenn man anderen Eltern am Spielplatz zuhört und mit ihnen spricht, so sind sich doch viele einig – ja, es ist lästig, dass Kinder immer mit jenem Spielzeug eines anderen spielen möchte. Dieses Verhalten wird schlichtweg als Verhaltenszug eines Kindes abgestempelt und nicht näher hinterfragt. Maria Montessori beschreibt auch dieses Thema in ihrem Buch „Kinder sind anders“. Der Unterschied ist jedoch, dass Montessori dieses Verhalten nicht als typischen Wesenszug eines Kindes, sondern als eine Folge von (sehr überspitzt formuliert) „auf Abwegen geraten“ der Kinderseele beschreibt.

„[…] Das aktive Kind zeigt die Lebensäußerungen eines Geschöpfes, das in der geeigneten Umwelt lebt, d.h. in der einzigen, in der dieses Geschöpf es selbst werden kann. Muss das Seelenleben diese Umwelt entbehren, so bleibt im Kind alles schwächlich, abwegig, verschlossen; es wird zum undurchdringlichen, rätselhaften, leeren, launischen, gelangweilten, außerhalb der Gesellschaft stehenden Wesen. Wenn nun das Kind jene Motive für seine Entfaltung nicht findet, sieht es nur „Sachen“ und will sie besitzen. Nehmen, besitzen: Das ist etwas Leichtes und Einsicht und Liebe werden dabei überflüssig. Die Energie schafft sich auf anderem Wegen Luft. „Das möchte ich“, sagt das Kind, wenn es eine goldene Uhr sieht, von der es nicht einmal die Zeit abzulesen versteht. „Nein, ich möchte sie!“, sagt ein anderes Kind, das im Übrigen durchaus bereit ist, die Uhr zu beschädigen und unbrauchbar zu machen, wenn es sie nur besitzt. Und so beginnt die Rivalität zwischen den Menschen und der zerstörerische Kampf um die Dinge. […] So verteidigen ja auch die stärkeren und aktiveren Kinder in regelrechtem Kampf ihre Dinge den anderen gegenüber, die sie gerne in Besitz nähmen; sie liegen ständig miteinander im Streit, weil sie denselben Gegenstand wollen und weil der eine den des andern will. Und so kommt es zu Handlungsweisen, die alles andere als liebevoll sind:  vielmehr der Ausbruch nichtbrüderlicher Gefühle, Beginn von Streit und Krieg um irgendeine Nichtigkeit. […] Es ist eine Verrückung, eine Verdunkelung dessen eingetreten, was eigentlich hätte sein sollen, und zwar darum, weil eine innere Kraft auf Abwege geraten ist. So ist denn nicht der Gegenstand, sondern ein inneres Übel der eigentlich Motor des Besitzanspruches.[…]“
Maria Montessori – Kinder sind anders

Gestern waren einige Kinder am Spielplatz (wir kannten alle) und sie haben unterschiedliches Spielzeug mit gebracht – Schaufel, Rechen, Schubkarre, Rasenmäher, Bälle, Sandspielzeug,… Wir hatten kein Spielzeug mit, weil ich eigentlich denke, dass die Natur genügend für uns bereit hält. Unser Tiger schaute sich zuerst um und steuerte dann zielgerichtet auf den Rasenmäher hin – nach kurzem Nachfragen, ob er ihn sich ausborgen darf, ist er völlig vertieft und beschäftigt mit dem Rasenmäher durch die Gegend gerannt. Kaum sahen das die anderen Kinder, sind die größeren (etwa 4 Jahre) wie auch die kleineren (etwas jünger als der Tiger) ganz verzückt von dem Rasenmäher angekommen und schon war unser Tiger den Rasenmäher los. Davor war der Rasenmäher für alle Kinder uninteressant. Unser Tiger ging den Kindern nach und sagte dabei immer wieder mal „Mame“ (Rasenmäher *haha*) und zeigte auf den Rasenmäher. Andere Mütter boten unserem Tiger anderes Spielzeug an und er fand, wenn auch nicht ganz gewillt, gefallen an einer Schaufel und spielte damit. Wieder dauerte es nicht lange, kam das erste Kind und die Schaufel war weg. Daraufhin schnappte sich unser Tiger wieder den Rasenmäher, der frei war. Vergnügt lief er wieder mit dem Rasenmäher herum und achtete nicht auf die anderen Kinder. Den Rasenmäher war er bald darauf wieder los und andere Kinder spielten damit, unser Tiger lies sich nicht mehr ablenken und wollte nur mit dem Rasenmäher spielen. Er weinte nicht oder hätte auch niemals den Rasenmäher „gewaltsam“ zurück erobert, er hat nur immer wieder danach „gefragt“. Ich erklärte ihm, dass es leider nicht unser Rasenmäher wäre und daher auch andere Kinder damit spielen dürfen – traurig akzeptierte er diese Tatsache und sah den anderen Kindern beim Spielen mit dem Rasenmäher zu, er wollte nichts anderes spielen…

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Es bricht mir das Herz, wenn ich ihn dann so traurig umherwandeln sehe.. Doch auch das ist ein Lernprozess für ihn. Und ich kann euch gar nicht sagen, wie stolz ich bin, dass unser Tiger so ist, wie er ist! Er verletzt keine anderen Kinder, nimmt niemandem das Spielzeug weg, sondern bittet darum und zeigt Mitgefühl, wenn eines der Kinder weint. Er geht seinen eigenen Weg und möchte nicht etwas spielen, nur weil andere damit spielen – er weiß, was er will, er lässt sich auch nicht davon ablenken und fordert es trotzdem nicht gewaltsam ein.

Während so Situationen wie gestern habe ich manchmal Angst, dass er das Gefühl bekommt, dass er so zu nichts kommt und doch anfängt, sich die Dinge gewaltsam zu erkämpfen. Zwischendurch hab ich manchmal die Kinder gefragt, ob unser Tiger den Rasenmäher auch mal haben könnte und habe ihn unserem Tiger gegeben. Ist vermutlich auch nicht richtig, dass ich mich dann einmische, doch das Tigermamaherz ist da einfach zu mitfühlend..

Obwohl dieser Rasenmäher kein Spielzeug ist, das ich bevorzuge, werden wir unserem Tiger trotzdem einen besorgen. Ich habe schon nach Alternativen überlegt, wie ich ihm etwas vergleichbares geben kann, mit dem er dann richtige Gartenarbeit verrichten kann und nicht so tut als ob er Rasen mähen würde – doch ich habe noch keine brauchbare Idee und somit wird es so ein Rasenmäher werden. Unser Tiger fragt nach unserem Spielplatzbesuch gestern immer wieder nach dem „Mame“, deshalb wird er sich sicher riesig freuen – und sollte er ihn wirklich mal mit auf den Spielplatz nehmen wollen, wird die Situation eine andere werden (siehe dazu diesen Artikel *klick*).

Trotz allem bin ich sehr froh und dankbar, dass ich diesen tollen Montessori Moment gestern erleben durfte – ich bin so stolz auf unseren Tiger!

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2 Kommentare zu “Unser Montessori Moment!

  1. Du bist stolz dass dein Kind anderenn die Spielsachen nicht gewaltsam wegnimmt ? Was glaubst du denn anderes gemacht zu haben als Mütter mit Kindern die das eben tun?

    Ich denke dass es Charakter Sache ist!

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    • Unser Tiger wächst in einer sehr liebevollen und friedvollem Umgebung auf und er hat noch keine Geschwister – er ist also kaum bis nie in der Position, dass er sich etwas erkämpfen muss, wenn er etwas unbedingt haben will.
      Mir ist natürlich bewusst, dass der Moment kommen wird, wo er sich anders entscheiden wird, weil er mal nicht zurückstecken möchte. Ich werde ihm aber auch dann erklären, dass alles gewaltfrei möglich ist.
      Charakter spielt, wie du schreibst, aber sicher immer mit.
      Und ich bin auf diesen Charakterzug unseres Tiger aber ebenso stolz, wie auf jeden anderen auch 😉

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